Presseartikel über «Basak»

Dem Trauma der Immigration mit Bildung und Kunst begegnen

Tageszeitung Ülkede Özgür Gündem, Istanbul, 10.12.2003. Aus dem Türkischen von Erol Oezbek

Unter dem Motto „Es gibt für Jeden etwas zu tun, um unsere Kinder, die unsere Zukunft sind, vor dem Abdriften in die Kriminalität zu bewahren“, gründeten Frauen aus verschiedenen Berufen die „Basak-Stiftung für Bildung und Kultur“. Sie möchten durch Bildung und Kunst den von Zwangsmigration betroffenen Kindern aus ihrer schwierigen Lebenssituation heraushelfen.

 

FATMA KOÇAK – ISTANBUL – Eine Gruppe  von Psychologinnen, Pädagoginnen, Sozialarbeiterinnen und im Gesundheitsbereich tätigen Leuten gründete die „Basak-Stiftung für Bildung und Kultur“ (BSV). Sie sind im Verwaltungsbezirk Ümraniye (Quartier Kayisdagi)  tätig und haben sich zum Ziel gesetzt, die von Zwangsmigration betroffenen Kinder zu unterstützen und durch Bildung und Kunst zu rehabilitieren.

Auf der asiatischen Seite von Istanbul, in Gebieten mit starker Zuwanderung wie Ümraniye, Kadiköy, Sultanbeyli und Icerenköy, wurde eine Umfrage durchgeführt. Die Befragung der 189 Kinder aus 85 Familien  ergab, dass die durchlebte Migration  tiefe Spuren bei den Kindern hinterlässt. Eine Mehrheit von 78 % dieser Familien waren nach 1990 aus dem Südosten nach Istanbul gekommen. Der Anteil von Kindern, welche die Schule nicht besuchten oder ihre Ausbildung abbrachen, beträgt 48%. Diese Kinder müssen  zur finanziellen Unterstützung der Familie arbeiten, doch 98% der Kinder verfügen in ihrem Arbeitsbereich über keine soziale Sicherheit. Die Basak-Stiftung organisierte auf Grund dieser Ergebnisse ein Projekt für diese Kinder. Das Projekt wurde von der EU als unterstützungswürdig befunden und wird finanziell unterstützt.

«Ich wollte an der Liebe anderer teilnehmen»

Sahhanim Kanat, Verwaltungsratspräsidentin und Mitglied  der Basak-Stiftung, weist darauf hin, dass die Grossstädte und besonders Istanbul, Sammelplatz für aus Armut emigrierter Menschen sind und dass diese Anhäufung schwerwiegende Probleme mit sich bringt. Sie bemerkt, dass die Stiftungsmitglieder bei ihrer Studie besonders bei Kindern und Jugendlichen schwerwiegende Schäden infolge der Immigration nach Istanbul festgestellt haben. Sie fügt hinzu: «Ich bin überzeugt, dass jeder, der an die Möglichkeit der Veränderung in dieser Gesellschaft glaubt, etwas bewirken kann und deshalb haben wir zusammen mit Freunden aus verschiedenen Berufen diese Arbeit aufgenommen.»

Kanats Tochter Basak verstarb im Alter von 18 Jahren. «Basak war von Kindheit an in die Kunst verliebt, deswegen haben wir die Stiftung nach ihr benannt.» Sie weist darauf hin, dass die Kinder die Zukunft einer Gesellschaft sind. Leider verschliessen viele Leute ihre Augen vor der Tatsache, dass in Stadtquartieren mit starker Zuwanderung zahlreiche junge Menschen in Armut leben. «Die in ärmlichen Verhältnissen ohne Bildung aufwachsenden Kinder werden mit grosser Wahrscheinlichkeit später kriminell, da ihnen eine solide Bildung fehlt. Es gibt keinen Bereich, in dem sie ihre schöpferischen Fähigkeiten hervorbringen und sich entfalten können. Unser Ziel ist es, den Kindern zumindest ein wenig diese Möglichkeit zu geben, sie durch die gestaltende Kraft der Kunst zu rehabilitieren und sie in gewissen Bereichen eine Bildung nachholen zu lassen.»

Es wird positive Diskriminierung ausgeübt

Sahhanim Kanat erklärt, dass die Stiftung neben Kindern auch Jugendliche und Frauen unterstützt: «Unser Zweck beschränkt sich nicht auf Kinder,  wir wollen auch Familien und besonders Frauen erreichen und rehabilitieren. Für Kinder bieten wir Kurse in Keramik, Papierfalten, Folklore, Malen und Theater an. Zusätzlich erteilen wir Englisch und Computer-Kurse für die Teilnehmer von Berufskursen, sowie Lese- und Schreibkurse für Hausfrauen. Ausserdem organisieren wir wegen grossen Bedarfs unter den Frauen Versammlungen zur Bewusstseinserweiterung über Wege der Erziehung von Kindern. Besonders unter junge Frauen herrscht eine grosse Nachfrage nach beruflichen Ausbildungskursen. In unserer Erwachsenenarbeit haben die Frauen Vorrang. 70% unserer KursteilnehmerInnen sind Frauen. In diesem Sinne üben wir eine positive Diskriminierung aus.»

Esra Ciftci, die in der Stiftung als freiwillige Beraterin tätig ist, weist darauf hin, dass besonders die Kinder, die nach den Auseinandersetzungen im Südosten gezwungen waren mit Angehörigen in die Metropolen auszuwandern, keine Lebensperspektiven vorfanden: «Diese Kinder haben in der Grossstadt, in der sie ankamen, Probleme mit der Anpassung an das Stadtleben und dadurch starke Traumata erlitten. Als Folge entwickelten sie eine Neigung zu Gruppenbildung und zu Kriminalität. Besonders wegen mangelnden Bewusstseins und finanziellen Schwierigkeiten in den Familien wachsen die Kinder auf den Strassen auf,  allerlei Gefahren ausgesetzt und ohne Bildung. Bei den Kindern, die unsere Stiftung besuchen, beobachte ich starke Gefühle von Frustration und der Unsicherheit. Wir versuchen, sie nach ihren eigenen Fähigkeiten und Wünschen zu fördern. Sie erhalten  psychologische Begleitung, damit sie Selbstbewusstsein, Respekt und Eigenständigkeit lernen.»

«Ich geniesse es zu arbeiten»

Die Keramik-Künstlerin Türkan Akkulak, auch eine freiwillige Lehrerin in der Stiftung, erzählt, wie sie einen ganz andersartigen Dialog mit den Kindern geknüpft haben: „Manche Kinder, die am Anfang schüchtern sind, können sich jetzt dank der Kommunikation, die wir mit ihnen aufgenommen haben, sehr gut ausdrücken. Die Kinder haben grossen Spass. Tonerde ist ein Material, welches dem Menschen entspricht, es hilft ihnen, ihre schöpferische Seite weiter zu entwickeln. An unserem Unterricht nehmen in zwei Gruppen 14 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren teil. Die Kinder, die hierher kommen, haben einen Hunger nach Entwicklungsmöglichkeiten. Das Bildungssystem fördert die Menschen nicht nach ihrem Talent. Die Familien verfügen nicht über eigene Möglichkeit der Förderung. Wenn jeder Bekanntschaft mit der Kunst machen würde, gäbe es meiner Meinung nach keine Probleme auf der Welt.“