Presseartikel über «Basak»
Zürich und Region
Der Neo-Folk von Kardes Türküler
Botschafter einer multikulturellen Türkei im Volkshaus
Unterstützung aus Zürich für die Stiftung Basak
© Neue Zürcher Zeitung; 05.11.2005; Seite 54; Nummer 259
Kardes Türküler singen die Volkslieder der türkischen Minoritäten in Originalsprache. Im Ausland wird der Neo-Folk der 18-köpfigen Gruppe deshalb gerne als Symbol einer offenen Türkei angepriesen, in der Türkei hingegen gehen die Medien auf Distanz.
Eigentlich spielt die Gruppe Kardes Türküler von der Istanbuler Bogazici-Universität bloss die traditionelle Volksmusik Anatoliens. Indem sie die Lieder der Kurden, Aseri, Lazen, Armenier und anderer kultureller Minderheiten in der jeweiligen Originalsprache singt und mit alten und neuen Instrumenten zu einem vielseitigen Neo-Folk arrangiert, begibt sie sich aber auf heikles Terrain. Seit der Gründung der Türkischen Republik (1923) wird Anatolien zwar als Wiege der türkischen Kultur verstanden und seine vielseitige Musikkultur entsprechend gefördert, dies jedoch nur in einer «gereinigten» Form. Das staatliche Radio hob ab den vierziger Jahren immer wieder musikalische Schätze in der Region, verpasste ihnen jedoch einen kunstmusikalischen Anstrich und schrieb die fremdsprachigen Liedertexte in die Nationalsprache um.
Heute, nach der Deregulierung des Radio- und TV-Marktes, dominiert die Popmusik. Die Lieder von Minoritäten gehen höchst selten und wenn, dann eher in Randzeiten über die Sender. Noch im März dieses Jahres beklagte sich der Lazen-Musiker Birol Topaloglu, ihm sei vom türkischen Sender TRT der Auftritt verboten worden.
Auch Kardes Türküler sind in Radio und Fernsehen eher selten Gast – nicht zuletzt, weil die Gruppe ihr kulturell vielfältiges Repertoire nicht einschränken mag. Nach ersten Auftritten im geschützten Rahmen des Folklore-Klubs ihrer Heimatuniversität findet die Gruppe seit den neunziger Jahren dennoch immer mehr Beachtung.
Unterstützt vom Istanbuler Label Kalan Müzik, das seit Jahren Aufnahmen von Kurden, Armeniern, Lazen, Roma, Griechen, Juden und anderen Minoritäten produziert und immer mehr internationales Renommee erlangt, spielten Kardes Türküler über hundert Konzerte in der Türkei.
Und von NGO werden sie immer wieder gerne ins Ausland eingeladen – fürs Schweizer Benefizkonzert etwa von der Basak-Stiftung, die sich für mittellose Kinder in Istanbul einsetzt. Unterstützung gab es auch vom türkischen Aussenminister Ismail Cem, der einem EU-Amtskollegen eine Kassette von Kardes Türküler geschenkt haben soll, wohl um zu zeigen, wie frei sich die Minderheiten in der Türkei artikulieren. können.
Thomas Burkhalter
Konzert: Samstag, 5._November, 20 Uhr, Volkshaus Zürich.
