Presseartikel über «Basak»

Kleine Kostbarkeiten

Die zur Rehabilitierung der von der Zwangsimmigration betroffenen Kinder gegründete Basak-Stiftung für Kultur und Kunst erhält Unterstützung von der EU.

Handan Çaglayan

Dieser Artikel ist nichts für unverbesserliche Pessimisten. Er ist für Leute geschrieben, die meinen, dass trotz aller Leiden und Nöte um uns sehr wohl auch schöne Sachen geschehen. Solch eine schöne Erfahrung möchte ich mit den Lesern teilen. Von einem schwarzäugigen Kind werde ich erzählen, das fern von wohlhabender Verwöhnung erst beginnt, die Welt zu entdecken, von einem herzerfreuenden Ort, erhellt von einfachem und herausforderndem Lächeln und einer optimistischen Arbeit. Ich möchte von der Basak-Stiftung für Kultur und Kunst berichten.

Die Basak-Stiftung für Kultur und Kunst hat als Arbeitsgebiet Istanbuls Siedlungsgebiete bestimmt, die von einer starken Zuwanderung betroffen sind. Diese Gebietswahl ist eine Konsequenz ihres Gründungszwecks. Die Stiftung bezweckt, Kinder und Jugendliche, die von der Zwangsimmigration nachteilig betroffen sind, über künstlerische Tätigkeiten zu rehabilitieren. Die Vorsitzende der Stiftung, Sahhanim Kanat fasst die Besonderheiten ihrer Zielgruppe folgendermassen zusammen: «Diese Kinder fanden sich inmitten einer erzwungenen Wanderung, die sie nicht gewählt hatten und auf die sie nicht vorbereitet waren. Sie haben einen traumatischen Prozess durchgemacht, der in den Randgebieten der neuen Heimatstadt andauert. Während sie in diesen Randvierteln, die fast jeder Infrastruktur-Dienstleistung entbehren, gegen die Armut ankämpfen, sind sie zugleich von dem kulturellen Unterschied zwischen Herkunfts- und Ankunftsort hin- und hergerissen. Ihre Schulung ist abgebrochen. Bei den meisten hat sich eine Drogenabhängigkeit entwickelt. Sie durchleben psychische Probleme.»

«Wir behaupten nicht, alle Probleme dieser Kinder auf radikale Weise lösen zu können. Wir versuchen, bei jenen, die wir erreichen können, über künstlerische Tätigkeiten zu ihrer Anpassung an ihren Ankunftsort und zu der Entwicklung ihrer Fähigkeiten der Problembewältigung beizutragen. Wir nützen die rehabilitierenden Eigenschaften dieser Tätigkeiten, um ihnen dabei zu helfen, die traumatischen Auswirkungen der Wanderung zu überwinden, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und in die Zukunft mit ein bisschen Hoffnung zu blicken. Wir knüpfen Beziehungen zu Familien.»


Wie aus der bescheidenen Darstellung von Sahhanim Kanat hervorgeht, zielt die Stiftung nicht darauf ab, die Welt zu retten. Aber sie bewirkt Schönes in ihrem eigenen Bereich. Und zwar ganz im Stillen. Es werden keine grossen Worte gemacht, sondern Taten zählen. Die MitarbeiterInnen der Stiftung halten nichts von grossen Theorien, von der Rettung der Welt und auch nicht vom Jammern. Sie reichen ihre Hand den Kindern und Jugendlichen, die versuchen, sich in der Ankunftsstadt festzuhalten, als wäre es eine alltägliche Sache. Und nicht nur das, sie betreiben Computer- und Englischkurse, damit Kinder und Jugendliche berufliche Fähigkeiten erwerben und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern können. Für jene Jugendlichen, die deutliches künstlerisches Talent aufweisen, sind sie bemüht, Stipendien aufzutreiben, damit diese professionell ausgebildet werden können. Und die neueste Entwicklung schafft Hoffnung und Freude: Die Europäische Gemeinschaft hat beschlossen, die Tätigkeit der Stiftung im Rahmen der Mikroprojekte zu fördern.

Positive Diskriminierung für Mädchen

Der Sitz der Stiftung befindet sich nicht in Taksim und auch nicht in Beyoglu, wo sich fast alle Institutionen Istanbuls aneinander drängen. Die Gründer der Stiftung sind sich sehr wohl bewusst, dass ihre Zielgruppe mindestens drei Verkehrsmittel besteigen muss, um solche Zentren zu erreichen und dass eben dies bei den Armutsverhältnissen nicht realistisch wäre. Darum wurde ein Viertel mit starkem Anteil von Wanderungsbetroffenen ausgewählt: Kayisdagi, ganz am Aussenrand der asiatischen Seite von Istanbul. Eine offensichtlich sehr passende Wahl. Die Kinder des Wohnviertels kommen herein wie durch ihre eigene Wohnungstür. Sie wissen, dass diese Tür ihnen immer offen steht. Unter Gelächter sitzen sie auf dem in Van produzierten Kilim und erhalten Psychodrama-Unterricht von ihrer grossen Schwester Dilan. Im Nebenzimmer falten kleine Finger Figuren aus Papier. Die Wände sind voller Malereien der Kinder. Unter jedem Bild ist ein Spruch. Einer davon: „Wenn eine Kerze mit ihrem eigenen Feuer eine andere Kerze ansteckt, verliert sie nichts von ihrem Licht.“

Wie lernen sie das bloss?

Unsere Vorstellung von Institutionen, seien sie offiziell oder privat, ist immer geprägt von düsteren, alten, ernsten und unnahbaren Mienen. Darum ist der Anblick der Frauen mit bestickten Kopftüchern, mit Röcken aus bunt gemustertem dickem Stoff und Strickwesten, die in der Stiftung ein- und ausgehen, zuallererst verblüffend. Aber es gibt keinen Grund zu staunen - das sind die Frauen vom Wohnviertel. Manche sind Mütter der Kinder, andere wurden mitgebracht zum Kennenlernen. Hier gibt es keine Formalitäten und keine Hierarchien.

In lockeren Gruppengesprächen diskutieren die Frauen mal Infrastruktur-Probleme, ein andermal die unbewusst ausgeübte Diskriminierung in der Erziehung von Mädchen und Jungen. Und noch etwas: da ist eine Regel der Stiftung, der FrauenrechtlerInnen sicherlich zustimmen werden und die auch offensichtlich angebracht ist. Die Stiftung übt bei ihren Dienstleistungen unter den Kindern gegenüber den Mädchen eine „positive Diskriminierung" aus. Der Grund liegt auf der Hand. Die Familien stellen den Jungen im Allgemeinen mehr Möglichkeiten zu Verfügung, während die Mädchen im Hintergrund bleiben. Vor die Wahl gestellt, verzichten arme Familien oft auf die Ausbildung der Mädchen und stecken all ihre Mittel in die Ausbildung der Jungen. Und die Wanderung erschwert die Lage der Mädchen noch weiter. Denn das Fehlen von Bildung, Sprachprobleme und Armut führen dazu, dass die Mädchen völlig im Haus eingesperrt bleiben. Aus diesem Grund gibt die mühelos erreichbare Stiftung bei ihren Dienstleistungen den Mädchen den Vorrang.

Zum Andenken an Basak

Aber wieso Kunst? Die heilende Wirkung der Kunst bei vielen Problemen ist ohne Zweifel einer der Gründe, allerdings nicht der einzige. Der zweite Grund ist die persönliche Leidensgeschichte einer Mutter. Die Gründerin und Vorsitzende der Stiftung Sahhanim Kanat verlor ihre Tochter Basak Helin, eine Theaterkünstlerin, als diese 18 Jahre alt war. Auch wenn es den Schmerz nicht lindern konnte, wollte Kanat doch die Erinnerung an ihre Tochter erhalten und entwickelte den Gedanken einer Kunststiftung für die Jugend. Worauf sie eine übermenschliche Anstrengung unternahm, um diese Stiftung zu gründen. Einerseits waren die Ausgaben für die Gründung der Stiftung für eine pensionierte Hebamme unzumutbar, andererseits musste sie gegen ihre eigene soziale Umgebung ankämpfen, die von ihr erwartete, zuhause zu hocken und Enkel zu betreuen. Aber Sahhanim wandte sich nicht im Schmerz um die verlorene Tochter von der Welt ab, sie zog sich nicht in sich selbst zurück. Sie wich nicht vor ihrer Trauer und ihrer eigenen Umgebung zurück, die eben diesen Rückzug von ihr erwartete, sondern wählte einen ausserordentlichen Weg, um die Erinnerung an die geliebte Basak am Leben zu erhalten, indem sie Kindern eines leidvollen Wegs diente. Aus einer persönlichen Tragödie brachte sie soziale Arbeit hervor. Wer weiss, vielleicht hatte diese Kraft ihren Ursprung in ihren Bemühungen als Hebamme für die völlig mittellosen „Zigeuner“kinder in den Randvierteln von Edirne oder in ihrer Arbeit in den Nomadenniederlassungen in den Bergweiden der unüberwindbaren Berge von Dersim, wo sie durch Schnee watete, um zu einer Frau in den Geburtswehen zu gelangen oder Babys zu impfen.

Falls Sie am Kayisdagi vorbeikommen, besuchen Sie unbedingt die Basak-Stiftung für Kultur und Kunst. Steigen Sie die Treppe unter den neugierigen, hellen, herausfordernden und auch ein bisschen frech lächelnden Blicken der Kinder hinab. Lesen Sie die Sprüche auf den bunten Blättern an den Wänden. Vergewissern Sie sich, dass trotz allem schöne Dinge passieren. Stärken Sie ihren Optimismus.